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2. Marokkokrise

Die Marokkokrise von 1911 - Der Panthersprung nach Agadir

Marokkokrise 1. Marokkokrise 2. Marokkokrise Der Panthersprung nach Agadir GB/F Vertrag 1904 GB/F Geheimabkommen 1904 D/F Marokkoabkommen 1909 Artikel des Versailler Vertrages betreffs Marokko, 1919

 

1908 erhielt die deutsche Firma Mannesmann von Sultan Muley Abdul Hafid von Marokko eine Erzkonzession. Nach und nach erlangte Mannesmann 2000 Erzkonzession und kaufte 90 000 Hektar Land und baute Fabriken, Anlagen und Handelshäuser. Fünf Jahre nach der 1. Marokkokrise kam es erneut zum Konflikt zwischen Frankreich und dem Deutschen Kaiserreich. Frankreich nahm 1911 die Unruhen zum Anlass, um die marokkanischen Städte Rabat und Fes zu besetzten. Rund 100 000 französische und spanische Soldaten waren zu dieser Zeit bereits in Marokko stationiert. Das drastische Vorgehen der französischen Militärbehörden stört die deutschen wirtschaftlichen Interessen im Lande. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, von Kiderlen-Wächter, will koloniale Vorteile aus der Krise herausholen. Deutschland erklärte sich bereit, Marokko Frankreich zu überlassen, verlangte aber als Ausgleich das französische Kongogebiet.

Marokko - Karte 1914, Lage von Agadir

Marokko - Karte 1914

 

Das enge Zusammenhalten der Ententemächte untereinander offenbarte sich schon im nächsten Jahre in geradezu bedrohlicher Weise, anlässlich der so genannten zweiten Marokkokrise. Im März des Jahres 1911 kam in Paris ein neues Ministerium ans Ruder, dem auch Delcasse angehörte. Er war zwar nur Marineminister, und es wurde nach außen betont, er solle keinen Einfluss auf die Politik ausüben, aber aus mehreren Anzeichen ist zu schließen, dass sein Geist auf die Kollegen im Kabinett abfärbte. Kurz nach dem Regierungswechsel teilte der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon, der Wilhelmstraße mit, dass Unruhen, die in Fez, dem Sitz des Sultans von Marokko, ausgebrochen seien, die Republik veranlassen könnten, zum Schutz der Europäer Truppen dorthin zu senden. In seiner Antwort betonte Kiderlen-Wächter, er könne nicht verhehlen, dass zu befürchten sei, die deutsche öffentliche Meinung werde die Besetzung eines zweiten wichtigen Hafens (neben Casablanca) durch Frankreich als einen Schritt zu der Beseitigung der Konvention von Algeciras ansehen. In Berlin und auch anderweitig durchschaute man sogleich die heimliche Absicht der Franzosen, von der "friedlichen Durchdringung" Marokkos zur gewaltsamen Besitzergreifung überzugehen. Am 15. Mai erhielt die deutsche Regierung die offizielle Nachricht, dass Paris sich entschließen müsse, Fez tatsächlich zu okkupieren, doch solle die Okkupation nur für die unbedingt nötige Zeit andauern. Demzufolge rückten französische Truppen in die genannte Stadt ein.

Der französische General Moinier vor Fez am 21.05.1911

Der französische General Moinier vor Fez am 21.05.1911

 

In Deutschland bestanden anfangs Meinungsverschiedenheiten über die Haltung, die man einnehmen solle. Der Kaiser vertrat den Standpunkt, dass es nur günstig sei, "wenn die Franzosen sich mit Truppen und Geld in Marokko engagierten"; man dürfe sie nicht daran verhindern und vor allem nicht wieder wie früher an die Entsendung von Kriegsschiffen denken. Demgegenüber war der Gedankengang Kiderlens folgender: Der Sultan von Marokko hatte seine Selbständigkeit verloren, da er nur mehr von Gnaden der französischen Bajonette lebte. Die Algecirasakte war demnach außer Geltung gesetzt. Dadurch hatten die an ihr beteiligten Mächte die volle Freiheit zum Handeln. Um nun Kompensationen für die Besitzergreifung von Marokko durch Frankreich zu erlangen, müsste Deutschland Schiffe nach Häfen in Süd - Marokko, nämlich Agadir und Mogador, schicken, wo deutsche Firmen große Interessen besaßen und dann mit einem "Faustpfand" in der Hand zu Verhandlungen übergehen.

Marokko Tanger Markt Grand Soko

Marokko Tanger Markt Grand Soko

 

Die Idee kolonialer Zugeständnisse an Berlin wurde auch von französischer Seite vertreten, und von Cambon sogar ausdrücklich erwähnt. Kiderlen aber fürchtete, wenn Marokko einmal ganz in der Gewalt Frankreichs sei und Deutschland nichts unternehme, werde es nur sehr wenig bekommen. Als nun im Juni 1911 Spanien, ganz nach dem Muster der Republik seinerseits bei Alkassar Truppen landete, um diesen Ort und Larasch vor "aufständischen Kabylen" zu schützen, betonte der stellvertretende Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Zimmermann, im Einklang mit den Ansichten Kiderlens in einer Aufzeichnung die Notwendigkeit einer deutschen Aktion. Er wies darauf hin, dass Frankreich darauf ausgehe, die Errichtung der Schutzherrschaft über Marokko als eine Tat im Sinne der Algecirasakte hinzustellen, während sie doch das Gegenteil sei. Dadurch werde die deutsche Regierung, die immer für die Unabhängigkeit des Sultans und die Gleichberechtigung der Nationen eingetreten sei, vor der Welt und dem eigenen Lande eine schwere Niederlage erleiden. Ein zu später Einspruch werde Frankreich Zeit geben, die öffentliche Meinung überall gegen Berlin aufzuwiegeln und hernach jede Kompensation abzulehnen. Man müsse also jetzt in Paris bekannt geben, man sei an der Hand der letzten Ereignisse zu der Überzeugung gelangt, dass es ein unabhängiges Marokko nicht mehr gebe, und alle Mächte, frei von den Voraussetzungen der Algecirasakte, wie Spanien und Frankreich Maßnahmen zum Schütze ihrer Interessen treffen könnten. Hierauf müsse man vier Kreuzer nach Mogador und Agadir abgehen lassen und nach deren Ankunft mitteilen, man wolle Frankreich und Spanien keinerlei Schwierigkeiten bereiten und sei zu jeder Aussprache bereit. Was die Wilhelmstraße bezweckte, liegt auf der Hand. Die Leiter der deutschen Politik wollten genau wie 1909 den Gegensatz zu Frankreich in Nordafrika aus der Welt schaffen. Die Republik durfte sich in Zukunft ungehindert dort ausdehnen, aber für dieses Zugeständnis hoffte man, im rechten Augenblick eine möglichst große Gegengabe verlangen zu können. Der Kaiser ließ sich am 26. Juni für den Plan gewinnen.

Der Panthersprung nach Agadir??? Was zeigt dieses Foto wirklich ?

Der Panthersprung nach Agadir??? Was zeigt dieses Foto wirklich ?

 

Am 30. Juni ging an die Mächte, die den Vertrag von Algeciras unterzeichnet hatten, die schriftliche Mitteilung ab, dass Deutschland zum Schutz seiner Untertanen ein Kriegsschiff nach Agadir entsenden werde, das daselbst für die Dauer der Unruhen in Marokko bleiben solle, und zugleich wurden mündliche Erklärungen im Sinne von Zimmermanns Aufzeichnung gegeben. Daraufhin dampfte das Kanonenboot Panther nach Agadir (Panthersprung nach Agadir?) ab. Der deutsche Schritt, der für die Eingeweihten keineswegs durchaus unerwartet kam, wurde zunächst überall verhältnismäßig ruhig aufgenommen. Der französische Außenminister war zwar überrascht, aber "nicht bestürzt", die Pariser Presse verhielt sich in den ersten Tagen recht gemäßigt. Rom und Petersburg zeigten sich ziemlich gleichgültig. Nur der neue Unterstaatssekretär im englischen Auswärtigen Amt, der frühere Botschafter in Petersburg, Sir Arthur Nicolson, bemerkte, Agadir ei kein offener Hafen und stellte die Frage, ob Deutschland Truppen landen werde, was Metternich noch nicht beantworten konnte. Kurz nachher erklärte Grey, nun sei eine neue, heikle Lage entstanden, die England zwinge, seine eigenen Interessen in Marokko zu verfolgen. Eine schriftliche Mitteilung in diesem Sinne erfolgte am 4. Juli. Drei Tage später bekannte sich der französische Außenminister zu Verhandlungen mit Berlin bereit, und Cambon, der von Paris nach der deutschen Hauptstadt zurückkehrte, erhielt die Vollmacht zur Besprechung von Kompensationen. Seine erste Unterredung mit Kiderlen verlief verhältnismäßig günstig. Der Name des französischen Kongogebietes als Austauschobjekt wurde genannt, und der Vertreter der Republik war sichtlich erleichtert, als er erkannte, dass Deutschland in Marokko selbst keine Ansprüche erhebe.

Frankreich bringt die Segnungen der Zivilisation nach Marokko

So sahen sich die Franzosen selbst: " Frankreich bringt die Segnungen der Zivilisation nach Marokko".

 

Inzwischen drängte der Kaiser auf raschen Abschluss, um die bestehende Spannung möglichst bald zu beseitigen. Bei einer zweiten Unterredung mit Cambon am 15. Juni sagte nunmehr Kiderlen unumwunden, er wolle "den französischen Kongo, und zwar ganz" haben. Diese Forderung bezeichnete der Botschafter als unannehmbar. Im Anschluss an die zuletzt erwähnte Besprechung trat ziemlich unmittelbar eine Krise ein, deren Schauplatz aber weniger Paris als London war. Am 21. Juli hatte Orey mit Metternich ein ernstes Gespräch. Der britische Außenminister frug, was Deutschland in Agadir eigentlich wolle und ließ durchblicken, er befürchte eine Festsetzung in Marokko selbst. Am gleichen Tage hielt der Schatzkanzler Lloyd George in London eine Rede, in der er von der britischen Nationalehre sprach und recht deutlich mit dem Krieg drohte, falls England da, wo vitale Interessen auf dem Spiele ständen "im Rate der Völker zur Seite geschoben werde". Dass die Worte als Drohung für Deutschland gemeint waren, verstand die ganze Welt sofort. Mit einem Schlage nahm die ganze Marokkoangelegenheit ein bedrohliches Gesicht an. Was wollte Großbritannien? War es entschlossen, das Schwert zu ziehen, um Frankreich zu unterstützen? In ganz Deutschland, wo niemand an bewaffnete Verwicklungen dachte, regte sich eine tiefe Erbitterung. Die Regierung verzichtete zwar auf eine öffentliche Antwort an Lloyd George, um eine weitere Zuspitzung zu vermeiden, ließ aber durch Metternich einen scharfen Protest aussprechen, der am 25. Juli erfolgte. Schon vorher hatte sie versichern lassen, dass eine Landung in Agadir nur im äußersten Notfall beabsichtigt sei. Allmählich trat dann eine Beruhigung ein.

Die Verhandlungen zwischen Berlin und Paris dauerten zwar noch lange, aber am 4. November 1911 konnte ein Abkommen ( Deutsch-französisches Abkommen über Marokko vom 4. November 1911) fertig gestellt werden, auf Grund dessen Deutschland ein Stück des französischen Kongo als Abrundung für seine Kolonie Kamerun bekam ( Deutsch-französisches Abkommen über Äquatorial-Afrika vom 4. November 1911) , während es seinerseits jeder Einmischung in Marokko entsagte. Wenn man den Verlauf der Ereignisse überblickt, so erscheint das schroffe englische Vorgehen zunächst unbegreiflich. Glaubte man wirklich an eine Kriegsgefahr, oder wollte man sogar einen Zusammenstoß herbeiführen? Es ist noch heute nicht ganz klar, was sich eigentlich in London hinter den Kulissen abspielte. Der Vertreter der englischen Arbeiterpartei, Keir Hardie, sprach nachher von dem "krankhaften Geisteszustand, der in einigen Köpfen des Foreign Office herrsche". Gewisse Anzeichen lassen darauf schließen, daß Grey mit einem Überfall der deutschen Flotte rechnete, andere wieder deuten an, dass derselbe Grey den Russen ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Marokkofrage zum Vorwurf machte, und der britische Botschafter in Paris zum mutigen Widerstand riet. Eines aber ist ganz klar: In den Tagen um den 20. Juli war Großbritannien abermals bereit, für Frankreich bis zum äußersten zu gehen. Dafür sprechen schon allein die militärischen Vorbereitungen, die man in aller Hast anordnete. Es wurde nicht nur, zum mindesten ein Teil der Flotte mobil gemacht, sondern der britische Generalstabschef Wilson reiste schleunigst nach Paris und vereinbarte dort mit dem französischen Generalstabschef Dubail umfassende Maßnahmen für das gemeinsame Vorgehen der beiderseitigen Landheere. Die englischen Truppen, die in Nordfrankreich an Land gesetzt werden sollten, wurden auf sechs Divisionen festgesetzt. Das Band, das beide Länder verknüpfte, wurde noch enger geschlungen, als bisher, und das bedeutete eine Erhöhung der Gefahr für Deutschland. Hinsichtlich der überstürzten Kriegsvorbereitungen der englischen Regierung wurden bald nachher von dem britischen Hauptmann Faber in der Öffentlichkeit Angaben gemacht, die allgemeines Aufsehen erregten und dem liberalen Kabinett, das jetzt unter der Führung von Asquith, dem Nachfolger Campbell-Bannermans, stand, eine scharfe Kritik im Lager der eigenen Gesinnungsgenossen eintrug. Plötzlich erwachte doch in einsichtigen Kreisen die Erkenntnis, dass man durch die Stellungnahme gegen die Mittelmächte nahe an einer schweren Gefahr vorübergegangen war. Gegen Ende des Jahres 1911 wurde besonders Grey heftig angegriffen.

Münzen Marokkos - 1910

Münzen Marokkos - 1910

 

Man begann an der Nützlichkeit der von ihm eingeschlagenen Richtung zu zweifeln. Besonders schwer fiel dabei ins Gewicht, dass sich gerade damals ein scharfer Konflikt zwischen Großbritannien und Russland abspielte. Das Zarenreich wollte nämlich, um den ihm als Einflussgebiet zugestandenen Teil Persiens in restlose Abhängigkeit von sich zu bringen, nach Teheran vorstoßen, was England, das an der scheinbaren Erhaltung der persischen Freiheit festhielt, nicht duldete. Es wäre beinahe zum Bruch gekommen und Iswolski musste den russischen Außenminister Sasonow, der im Dezember Paris besuchte, ernstlich vor einer Gefährdung der "englisch-russischen Entente" warnen. Die Folge der angeführten Erfahrungen war, dass in England die Neigung Platz griff, mit Deutschland eine Verständigung anzubahnen. Auf der anderen Seite wirkte sich in Deutschland das Erlebnis der plötzlichen Bedrohung durch das Inselreich dahin aus, dass man die feste Überzeugung gewann, man müsse sich besser als bisher schützen und wappnen. "Wir wissen jetzt, wo der Feind steht!" rief damals der Führer der Konservativen, von Heydebrand, im Reichstag aus und offenbarte damit die Gefühle der überwiegenden Mehrheit des Volkes. Diese Stimmung bildete für die Anhänger des Gedankens, dass man sich vor englischen Gewaltmaßnahmen nur durch eine weitere Verstärkung der deutschen Flotte schützen könne, den willkommenen Boden für die Verwirklichung ihrer in dieser Richtung gehenden Wünsche. So kam es, dass im Herbst 1911 Tirpitz und der Kaiser "mit großer Entschiedenheit" die Einbringung einer Flottennovelle im kommenden Frühjahr verlangten, durch die für die nächsten sechs Jahre eine Vermehrung des ursprünglichen Bauplanes an großen Linienschiffen bewilligt werden sollte. Aus der Verschiedenheit der Lage ergab sich hüben wie drüben auch ein verschiedenes Verfahren, das sich vor allem in dem Augenblick geltend machte, wo englischerseits die Fühler nach einer Einigung ausgestreckt wurden. Am 29. Januar 1912 legte Sir Ernest Cassel, wohl im Einverständnis mit Lloyd George und auch mit Grey und zugleich ermutigt durch Ballin, Wilhelm II. persönlich einen schriftlichen Vorschlag zu Verhandlungen vor. Danach sollte Deutschland die britische Überlegenheit zu Wasser anerkennen und seine Seerüstungen nicht ausdehnen, wenn möglich sogar einschränken. Dafür wollte Großbritannien eine deutsche Ausdehnung auf kolonialem Gebiet nicht hindern, sondern, falls angängig, fördern. Fernerhin wurde der Austausch von Erklärungen angeregt, die beide Mächte davon abhalten sollten, "sich an aggressiven Plänen oder Kombinationen zu beteiligen, die gegen eine derselben gerichtet sind". Der Kaiser stimmte grundsätzlich zu, hob jedoch hervor, auf die in Aussicht genommene Flottennovelle nicht verzichten zu können. Dabei handelte es sich um den Plan, im Zeitraum 1912/1917 abwechselnd je drei und je zwei neue Großkampfschiffe aufzulegen. Metternich in London kritisierte sofort, indem er darauf hinwies, dass sich Flottennovelle und Versprechen, die Seerüstungen nicht auszudehnen, widersprächen, und dass die Zusicherung der Neutralität im Kriegsfalle durch die Hinzufügung des Wortes "aggressiv" wertlos sei, da man den Begriff des Angriffes im Notfall immer nach Belieben auslegen könne. Eine Loslösung Englands von der Ententepolitik sei nur durch Fallenlassen der Flottennovellen zu erreichen. Demgegenüber vertrat der Reichskanzler die Ansicht, ein solches Fallenlassen könne nur in Frage kommen, wenn zugleich "ausreichende Bürgschaften für eine freundschaftliche Orientierung der englischen Politik gegeben würden". Der Gegensatz, der sich hieraus ableitete, war für den weiteren Verlauf der Angelegenheit, wie wir bald sehen werden, ausschlaggebend.

Sir Edward Grey David Lloyd George
Sir Edward Grey (britischer Außenminister)
1862 - 1933
David Lloyd George (britischer Schatzkanzler)
1863 - 1945

 

Am 8. Februar 1912 traf der britische Kriegsminister Lord Haldane, der ausgesprochene Sympathien für Deutschland besaß, in Berlin ein. Zuerst hatte er mit Bethmann Hollweg eine Unterredung, bei der die gegenseitigen Wünsche zur Anbahnung besserer Beziehungen zum Ausdruck kamen. Darauf folgte am 9. Februar unter Anwesenheit Wilhelm II. auf dem kaiserlichen Schloss eine lange Aussprache zwischen Tirpitz und Haldane. Hier wurde nach Angaben des Monarchen einmal der Abschluss einer politischen Vereinbarung in Aussicht genommen und außerdem hinsichtlich der Flotte verabredet, dass Deutschland zwar sein drittes Geschwader, das ihm die Novelle einbringen sollte, haben könne, aber erst 1913 mit dem Bau beginnen und in diesem Jahre und 1916 und 1919 je ein weiteres Schiff zu den regelmäßigen zwei großen Linienschiffen hinzufügen werde. Nunmehr ging der Reichskanzler, dem es auf eine gründliche Beseitigung der bestehenden Gegensätze ankam, sofort daran, den Entwurf eines politischen Abkommens auszuarbeiten. Die Hauptsache dabei war, dass beide Parteien einander für den Fall eines Krieges wohlwollende Neutralität zusichern sollten. Haldane dagegen wollte das nur gelten lassen, wenn ein "unprovozierter Angriff" vorlag, was natürlich ein sehr dehnbarer Begriff war. Im übrigen erklärte er, nicht zu wissen, ob dem britischen Kabinett das Entgegenkommen hinsichtlich des Flottenbaues genügen werde und regte an, für die ersten drei Jahre auf jeden Mehrbau zu verzichten. Darüber hinaus wurden koloniale Geschäfte vereinbart. So sollte Deutschland ganz Angola und England Timor bekommen. Ferner sollte Deutschland das Recht haben, bei gegebener Gelegenheit Teile des belgischen Kongos zu kaufen und außerdem gegen eine England zugestandene Beteiligung an der Bagdadbahn von diesem Sansibar und Pemba erhalten. Das alles bezweckte, genau wie bei den Verhandlungen mit Russland im Anschluss an die Kaiserbegegnung in Potsdam, eine völlige Beseitigung der Reibungsflächen. Man sah die Aussichten in Berlin zunächst als günstig an. Die erste Fühlungnahme war befriedigend verlaufen. Als jedoch Haldane nach London zurückgekehrt war und die Vorschläge, die er mitgebracht hatte, vom Ministerrat geprüft worden waren, stellten sich bald Zweifel an der Durchführbarkeit ein. Grey teilte am 22. Februar dem Grafen Metternich mit, dass die britische Admiralität nach genauer Prüfung der deutschen Flottennovelle starke Bedenken vor allem wegen der beabsichtigten Vermehrung der Mannschaft hege und sich zu erheblichen Gegenmaßnahmen veranlasst sehe und dass es ihm kaum möglich sein werde, ein politisches Abkommen zu schließen, "welches dazu bestimmt sei, eine neue und bessere Ära der deutsch-englischen Beziehungen einzuleiten, wenn zu gleicher Zeit eine Erhöhung der beiderseitigen maritimen Rüstungen stattfinde". Bei aller Betonung seines Wunsches, zu einer Einigung zu gelangen, verhielt sich der englische Außenminister also ziemlich zurückhaltend. Auch im Hinblick auf die kolonialen Tauschgeschäfte machte er Einwände. Man darf hierbei nicht übersehen, dass kurz vorher der oben erwähnte Konflikt zwischen Großbritannien und Russland wegen Persien glücklich beigelegt und daher das Bedürfnis des Inselreiches nach einer Änderung seiner Politik wieder verringert war. Im weiteren Verlauf spitzte sich der Widerspruch nun hauptsächlich dahin zu, dass man englischerseits, wie wir oben gehört haben, erklärte, eine politische Annäherung sei nur möglich, wenn die Luft durch größere deutsche Zugeständnisse im Flottenbau gereinigt werde, während andererseits Berlin solche Zugeständnisse nur dann machen zu können glaubte, wenn durch einen möglichst klaren Neutralitätsvertrag eine deutschfreundliche Stellung Großbritanniens gewährleistet sei. In der Tat, bei einer solchen Sachlage war eine Einigung kaum zu erreichen! Trotzdem kämpfte Bethmann Hollweg mit dem Einsatz seiner ganzen Kraft dafür. Als Kaiser und Marineamt, ungeduldig durch die Londoner Einwände, die Flottennovelle dem Reichstag vorlegen wollten, bevor die Stellungnahme an der Themse klar war, ging er sogar soweit, sein Abschiedsgesuch einzureichen. Sobald Wilhelm II. nachgegeben hatte und zu warten verhieß, wollte Tirpitz zurücktreten. Anfang März sprach Grey schon davon, dass er hoffe, auch ohne irgendwelche Abmachungen werde Haldanes Mission das beiderseitige Vertrauen fördern. Er glaubte im Grunde also an kein Gelingen mehr. Ganz zum Schluss forderte der deutsche Reichskanzler in teilweiser Anlehnung an einen Befehl seines Monarchen "ein die Neutralität Englands verbürgendes, einem Schutzbündnis... nahe kommendes Abkommen". Der britische Außenminister entgegnete, das sei mehr als Frankreich und Russland zugesagt worden sei. Ende März traf dann die endgültige Absage aus London ein. So endete der letzte Versuch zu einer Verständigung zwischen Deutschland und dem Inselreich. Eigentlich war er von Anfang an, wie Metternich betont hatte, ein totgeborenes Kind, weil eben die Gegensätze bereits zu stark entwickelt waren. Großbritannien konnte die ihm nahe gelegte Abwendung von der Entente nicht mehr vollziehen. Haldane gestand ganz offen ein, dass seine Regierung "ihr freundschaftliches Verhältnis zu Frankreich und Russland nicht in Frage stellen wolle". Und in Paris, wo Grey von dem deutschen Verlangen nach einem Neutralitätsvertrag Mitteilung machte, erklärte man, daß die Unterzeichnung einer solchen Vereinbarung "den gegenwärtigen französisch-englischen Beziehungen mit einem Schlage ein Ende machen würde". Auf der anderen Seite verbot in Deutschland das Misstrauen gegen die Absichten des britischen Weltreiches, das besonders bei Wilhelm II. und Tirpitz überaus stark war, eine weitgehende Einschränkung der Rüstungen ohne die gleichzeitige Gewissheit, dass kein englischer Angriff zu befürchten sei. Der Kaiser ging zum Schluss sogar so weit zu behaupten, England habe die Annäherung nur zum Schein angestrebt, um sein Reich um die neuen Schiffe zu bringen. Zuletzt war die Lage schlechter statt besser geworden. Das Wettrüsten nahm seinen ungehinderten Fortgang. Die deutsche Flottennovelle wurde eingebracht und bewilligt. Das britische Parlament nahm seinerseits neue Bauten an und die britische Admiralität verlegte die Basis der atlantischen Flotte von Gibraltar nach einem Heimathafen in der Nordsee.

Alfred von Kiderlen-Wächter

Bethmann Hollweg
Alfred von Kiderlen-Wächter
(Staatssekretär im Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches 1910 -1912)
1852 -1912
Theobald von Bethmann Hollweg
(Reichskanzler 1909 -1917)
1856 -1921

 

Auf diese Weise war es dem Reichskanzler Bethmann Hollweg nach keiner Seite geglückt, die dreifache Front der Entente zu durchbrechen. Russland wagte keine Annäherung aus Rücksicht auf die Verbündeten. Von England trennte ein unheilbarer Gegensatz. Und die Marokkokrise mit Frankreich, die den Zwist in Nordafrika aus dem Wege räumen sollte, führte sogar, wie die kommenden Ereignisse zeigen werden, zu einer Vergrößerung der Kluft zwischen der Republik und dem Deutschen Reich. Die Macht der politischen Verhältnisse, so wie sie sich im Laufe der Jahre herausgebildet hatten, war bereits stärker, als der Wille des Einzelnen, der versuchte, gegen sie anzugehen. Ihr musste sich im Grunde ebenso gut ein Sasonow, wie ein Orey und ein Bethmann Hollweg beugen. Darin bestand der unerbittliche Ernst der Stunde. Europa war und blieb in zwei Teile geschieden, von deren einem sich keine Brücke zum ändern mehr schlagen ließ. Die Trennung aber wurde in dem Augenblick zur Gefahr des Zusammenstoßes, wo der eine Teil gegen den anderen irgendwie vorzudringen begann. Und eben diese Wendung vollzog sich in den nächsten Jahren.

 

Generalstabschef Helmut von Moltke schrieb während dieser Krise verärgert: "Wenn wir aus dieser Affäre wieder mit eingezogenem Schwanz herausschleichen, wenn wir uns nicht zu einer energischen Forderung aufraffen können, die wir bereit sind mit dem Schwert zu erzwingen, dann verzweifle ich an der  Zukunft des Deutschen Reiches. Dann gehe ich. Vorher werde ich den Antrag stellen, die Armee abzuschaffen und uns unter das Protektorat Japans zu stellen, dann können wir ungestört Geld machen und versimpeln."

Kaiser Wilhelm II. 1911:" Die elende Marokko-Affäre muss zum Abschluss gebracht werden, schnell und endgültig. Es ist nichts zu machen, französisch wird es doch. Also mit Anstand aus der Affäre heraus!"

 

"Adieu Marokko" Karikatur aus "Simplizissimus" von 1911

"Jochen: Also na'n Kongo soll de Reis nu gahn?! Na, denn kicken sich de Herrschaften noch mal um, ob Se nich in Marokko noch wat vergeeten hewt!"

"Adieu Marokko" Karikatur aus "Simplizissimus" von 1911

 

Diese zweite Marokkokrise führte dazu, dass die Generalstäbe von Frankreich und England noch im selben Jahr (1911) einen gemeinsamen Aufmarschplan für den Kriegsfall gegen Deutschland ausarbeiteten, der dann auch 3 Jahre später zum Einsatz kam.

Marokko mit Aufdruck "Protectorat Francais"Marokko mit Aufdruck "Protectorat Francais"

Marken der französischen Post in Marokko mit Aufdruck "Protectorat Francais"

 

Am 25.11.1911 veröffentlicht die britische Regierung das Geheimabkommen von 1904 mit Frankreich, nach dem Ägypten zur britischen und Marokko zur französischen Einflusssphäre erklärt werden.

 

1. Marokkokrise 2. Marokkokrise Der Panthersprung nach Agadir

 


 


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