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Adolphe Thiers

Französischer Politiker und Historiker

Louis Adolphe Thiers

Louis Adolphe Thiers

* 16. April 1797 in Marseille

† 3. September 1877 in Saint-Germain-en-Laye

Louis Adolphe Thiers (spricht: tjähr), geboren am 15. April 1797 in Marseille als Sohn eines Advokaten, studierte in Aix die Rechte, ließ sich 1820 daselbst als Advokat nieder, begab sich aber schon im September 1821 mit seinem Freund Mignet nach Paris, um dort als Journalist zu arbeiten. Er schrieb zuerst für den "Constitutionnel", der liberalen Partei, und veröffentlichte außer einer mehrfach aufgelegten Schrift über Jean Law (1826) 1823-27 seine "Histoire de la Révolution française" in 6 Bänden, welche seinen Ruhm als Historiker begründete. Als Karl X. durch die Ernennung des Ministeriums Polignac der liberalen Partei den Krieg erklärte, gründete diese unter der Leitung von Thiers, Armand Carrel und Barrot im Januar 1830 den "National", der durch die Kraft und Kühnheit seiner Polemik gegen die bestehende Dynastie bald großen Einfluss gewann. Besonders elektrisierte die Massen das von Thiers erfundene Schlagwort: "Le roi règne, mais ne gouverne pas" (Der König herrscht, aber er regiert nicht). Als 26. Juli 1830 die berüchtigten Ordonnanzen erschienen, versammelten sich die Redakteure aller liberalen Journale im Büro des "National" und erließen unter Thiers Leitung einen Protest gegen diese Regierungsmaßregel. Nachdem Sieg der Revolution führte Thiers die Unterhandlungen mit dem Herzog von Orléans, der auch 31. Juli auf dem Stadthaus den von Thiers an der Spitze einer Deputation wiederholten Antrag, den Thron zu besteigen, annahm. Als die Ordnung wiederhergestellt war, wurde Thiers 11. August zum Staatsrat und Generalsekretär, Anfang November von Laffitte zum Unterstaatssekretär der Finanzen ernannt. Zu derselben Zeit von der Stadt Aix in die Deputiertenkammer gewählt, bildete er sich rasch zu einem Redner aus, dessen Präzision und Gewandtheit bald Anerkennung fanden. Hierdurch und durch seine administrativen Gaben den regierenden Kreisen empfohlen, wurde er nach Périers Tod am 11. Oktober 1832 Minister des Innern, am 25. Dezember 1832 des Handels und der öffentlichen Arbeiten. Bei der Umgestaltung des Kabinetts 4. April 1834 übernahm er wieder das Departement des Innern. Während ihn die Strenge, die er bei der Unterdrückung der demokratischen Unruhen in Paris und Lyon zeigte, auf immer mit seinen alten republikanischen Freunden entzweite, wurde er dem Hof noch unentbehrlicher und behauptete sich 1834-36 trotz mehrfacher Ministerwechsel im Kabinett, die "Politik des Widerstandes" mit Erfolg verfechtend. Im Februar 1836 erhielt er den Vorsitz im neuen Kabinett zugleich mit dem Portefeuille des Auswärtigen, musste aber schon 26. August 1836 zurücktreten, da der König dem schon beschlossenen Einschreiten in Spanien zugunsten des Liberalismus seine Zustimmung versagte, und stand nun zwei Jahre lang an der Spitze der dynastischen Opposition. Seit 13. Dezember 1834 war er auch Mitglied der Akademie. Am 1. März 1840 als Minister des Auswärtigen wieder an die Spitze des Kabinetts gestellt, bewirkte er die Zurückführung der Leiche Napoleons I. von St. Helena und die Befestigung von Paris.

Sein Plan, der Quadrupelallianz vom 15. Juli entgegen den Vizekönig von Ägypten zu unterstützen und in dem allgemeinen Krieg die Rheingrenze wiederzugewinnen, scheiterte an der Weigerung des friedfertigen Königs. Thiers reichte daher am 21. Oktober seine Entlassung ein und griff den schon früher gefassten Plan wieder auf, die Geschichte Napoleons I. zu schreiben, zu welchem Grund er 1841 bis 1845 dessen Schlachtfelder in Deutschland und Italien bereiste. In der Kammer gesellte er sich wieder zur Opposition, deren Führung er jedoch nicht erlangte, obwohl er bei den Verhandlungen über die Regentschaft (1842), die Jesuiten (1845) und die Rechte der Universität (1846) heftig gegen die Regierung auftrat. Als die Februarrevolution von 1848 den König zwang, das Ministerium Guizot zu entlassen, sollte Thiers mit Barrot ein neues bilden, durch welches Ludwig Philipp den Sturm besänftigen wollte. Dasselbe kam aber nicht mehr zustande, und Thiers hielt es für ratsam, nach Proklamierung der Republik Paris zu verlassen. Er blieb Orléanist und nahm in der Nationalversammlung eine Mittelstellung ein. Den Plänen Napoleons III. wirkte er eifrig entgegen und wurde daher beim Staatsstreich am 2. Dezember 1851 verhaftet und dann in das Ausland entlassen. 1852 wurde ihm die Rückkehr nach Frankreich gestattet, wo er sich elf Jahre lang vom öffentlichen politischen Leben fern hielt und sich ganz der schriftstellerischen Tätigkeit widmete. Er schrieb die "Histoire du Consulat et de l'Empire" (1845 bis 1862, 20 Bände). 1863 wurde Thiers in Paris in den "Gesetzgebenden Körper" gewählt und wurde hier der Führer der kleinen, aber mächtigen Opposition. Er bekämpfte in glänzenden Reden besonders den falschen Konstitutionalismus und die auswärtige Politik des Kaiserreichs, sowohl in Zollfragen als namentlich die Intervention in Italien, welche die Gründung der italienischen Einheit, und sein Verhalten 1864-66 in der deutschen Frage, welches Sadowa (Schlacht bei Königgrätz) zur Folge gehabt habe. Um das legitime Übergewicht Frankreichs zu behaupten, drang er auch auf Aufrechthaltung eines schlagkräftigen stehenden Heers nach altem System, da er von allgemeiner Wehrpflicht und Volksbewaffnung nichts wissen wollte.

Mit um so größerer Energie widersetzte er sich am 15. Juli 1870 der übereilten Kriegserklärung an Preußen und erklärte mit später bestätigter Einsicht Frankreich für nicht gerüstet. Nach dem Sturz des Kaiserreichs übernahm er im September eine Rundreise an die Höfe der Großmächte, um sie zu einer Intervention für Frankreich zu veranlassen, kehrte aber Ende Oktober unverrichteter Sache zurück und begann nun im Auftrag der Regierung Unterhandlungen mit dem deutschen Hauptquartier über einen Waffenstillstand, die ebenso erfolglos endeten. Bei den Wahlen für die Nationalversammlung wurde er in 20 Departements zum Deputierten und, da alle Parteien ihr Vertrauen auf ihn setzten, schon am 17. Februar 1871 von der Versammlung zum Chef der Exekutivgewalt gewählt. Seine erste Aufgabe war, den Frieden mit dem Deutschen Reich zustande zu bringen; er führte selbst die Verhandlungen mit Bismarck und rettete wenigstens Belfort. Am 1. März setzte er die Annahme des Friedens in der Nationalversammlung durch und bewog am 10. März diese, ihren Sitz nach Versailles zu verlegen. Der Kommuneaufstand in Paris am 18. März brachte Thiers in die höchste Bedrängnis, und nur seinem Mut und Selbstvertrauen sowie seiner unermüdlichen Tätigkeit war es zu danken, dass derselbe überwunden und gleichzeitig 10. Mai der definitive Friede mit Deutschland abgeschlossen wurde. Daran schlossen sich die erfolgreichen Maßregeln zur Beschaffung der nötigen Geldmittel. Am 31. August 1871 wurde er auf drei Jahre zum Präsidenten der Republik ernannt. Nun begannen aber die Schwierigkeiten des Parteigetriebes in der Nationalversammlung. Die monarchistischen Parteien sahen sich in ihren Hoffnungen auf Thiers energische Unterstützung getäuscht und rächten sich durch gehässige Angriffe und Ränke, obwohl Thiers den klerikalen Ansprüchen möglichst nachgab. Als daher Thiers, überzeugt, dass die Herstellung des Königtums in Frankreich, besonders des orléanistischen, eine Unmöglichkeit und die Republik die einzig mögliche Regierungsform sei, am 11. November 1872 die definitive Konstituierung der Republik von der Nationalversammlung verlangte, beschloss die klerikal-monarchistische Majorität derselben, da die Zahlung der Kriegsentschädigung an Deutschland und die Räumung des Gebiets durch den Vertrag vom 15. März 1873 gesichert waren, Thiers zu stürzen. Am 19. Mai brachte die Rechte eine Interpellation ein über das neue Ministerium, welches Thiers berufen hatte, um seine Verfassungsvorschläge für die Republik durchzuführen; nach heftiger Debatte ward 23. Mai ein Tadelsvotum gegen dies Ministerium mit 360 gegen 344 Stimmen angenommen und, als Thiers darauf seine Entlassung gab, diese mit 368 gegen 338 Stimmen genehmigt.

 Louis Adolphe Thiers auf einer französischen Briefmarke

 

Thiers zog sich darauf wieder vom öffentlichen Leben zurück und nahm nur an wichtigen Abstimmungen in der Deputiertenkammer teil. Nach dem Staatsstreich vom 16. Mai 1877 richteten sich die Hoffnungen aller Republikaner wieder auf Thiers als das Haupt einer gemäßigten Republik, aber er starb plötzlich am 3. September 1877 zu St.-Germain en Laye infolge eines Schlaganfalls und wurde am am 8. in Paris feierlich bestattet. 1879 wurde ihm ein Standbild in Nancy und 1880 ein solches in St.-Germain errichtet.

Thiers, von kleiner Gestalt, aber scharf geschnittenen, lebendigen Zügen, war einer der bedeutendsten Staatsmänner Frankreichs im 19. Jahrhundert und jedenfalls der populärste. Seine Doktrin war die des konstitutionellen Systems, in welchem der aufgeklärte, wohlhabende Bürgerstand die beste Sicherung seiner geistigen und materiellen Güter erblickte, und welches Thiers unter der Julimonarchie verwirklicht zu sehen gehofft hatte. Deshalb war ihm die militärische Demokratie eines Napoleon III. verhasst. Aber über allen Doktrinen stand bei Thiers seine Nation, Frankreich. Dessen Ruhm und Größe zu vermehren, war sein höchstes Ziel, wie er denn auch ein echter Franzose mit allen Vorzügen und Schwächen dieses Volkes war; er besaß eine unermüdliche Arbeitskraft, feine, edle Bildung, Scharfblick, eine sanguinische Elastizität des Geistes und echten Patriotismus, dabei aber eine naive Selbstsucht und Eitelkeit. Als Historiker verherrlichte er die Freiheitsideen der französischen Revolution und den Kriegsruhm Napoleons I. in schwungvoller Sprache und glänzender Darstellung, jedoch keineswegs stets wahrheitsgetreu und unparteiisch. Ganz erfüllt von der Idee, dass Frankreichs berechtigte Vormachtstellung das politische Gleichgewicht Europas bedinge und die kleinen deutschen und italienischen Staaten für diese Vormachtstellung notwendig seien, war er ein heftiger Gegner der italienischen und deutschen Einheitsbestrebungen und, obwohl Voltairianer, ein Beschützer des Kirchenstaats.

Werke:

 

 

 

 

 


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